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Bücherschau im Dezember

Ich kann mich noch an eine Autofahrt erinnern mit Kollegen vom Lübecker Schachverein. Alle redeten über Opern, aber Thorsten Hoyer war auf der Rückbank langweilig und er schlug mir eine Blindschachpartie vor. Thorsten war ohnehin mehrere Klassen besser als ich, und im Blindschach war ich unerfahren. Tapfer legte ich los. Nicht weiter überraschend musste ich bald nach der Eröffnung aufgeben, weil ich mir das Brett nicht mehr vorstellen konnte. “Was ist denn da los?”, rief mir da Michael Dreyer zu, der das Auto fuhr und eigentlich in einer intensiven Debatte verstrickt war über Opern. “Du stehst doch total auf Gewinn!” Alles erlebt auf der Transitstrecke Hamburg – Berlin (West) in den Achtziger Jahren.

Blindschach üben und praktizieren ist eine gute Sache. Die Gabe zur Visualisierung gehört beim Schach ebenso dazu wie ein brauchbares Gedächtnis und die Fähigkeit, sich zu konzentrieren. Manchen ist es gegeben, sich Dinge besonders gut vorstellen zu können und vor dem geistigen Auge ablaufen zu lassen. Andere hinken da etwas hinterher oder sind schlechterdings ungeübt.

Um den Zuschauern von „Das Damengambit“ das Phänomen deutlich zu zeigen, starrt Beth Harmon gelegentlich an die Decke. Legendär sind die Partien von Iwantschuk und Schirow, beide am Brett sitzend und dabei in die Höhe stierend. Sie werden dabei keine Erscheinungen gehabt haben wie Mrs. Harmon, aber gesehen haben die Großmeister sicher etwas.

Man kann die Dinge trainieren. Ein kostenloses Programm wie Lucas Chess bietet etwas an. Auch „Fritz und Fertig“ hat Blindschach im Programm, aber die Umsetzung überzeug mich nicht. Es gibt zudem einfache Übungen, die man mit einem Trainingspartner absolvieren kann, und die kein aufwendiges Programm benötigen. Neulich demonstrierte IM David Pruess von Dojo Chess auf Twitch, wie man mit Hilfe eines Buches eine Partie auf Lichess blind nachspielen und analysieren kann und dabei die Blindschach-Fähigkeiten trainiert (am besten man spult das Vorgeplänkel auf dem Video ca. 15 Minuten vor). Die Zuschauer sehen dabei das ganze Brett, er selbst aber zieht nur unsichtbare Figuren.

Der Dänische Schachspieler Martin B. Justesen das schöne Buch „Blindfold Endgame Visualisation“ herausgegeben und heute ist es umsonst in der Kindle-Version auf Amazon zu haben (sonst kostet es unter vier Euro). Fünfzig Stellungen gilt es zu lösen in verschiedenen Schwierigkeitsstufen. Folgt man dem Autor, kann man mit einer Rating von 1500 damit beginnen, aber wenn man nicht so begabt in diesen Dingen ist wie ich, gibt es überall etwas zu trainieren. Justesen ist kein Titelträger, aber das ist gar nicht nötig, um ein gutes Buch zu schreiben, wie er demonstriert. Eine Empfehlung, die allerdings selbstständiges Arbeiten, und damit auch Disziplin erfordert. Fallen also viele aus der Zielgruppe heraus, die glauben, dass man sich stattdessen im Stream berieseln lassen kann, um etwas zu lernen oder das Konsumieren von Streams sogar für eine Art Training halten.

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Die Bücher von Viktor Moskalenko sind recht erfolgreich, und sein 1.d4-Repertoire ist schon seit mehr als ein Jahr auf dem Markt. Die erste Auflage war schnell ausverkauft. Schwarzspieler tun gut daran, ihre eigenen Systeme mit den Empfehlungen des in Spanien lebenden Großmeisters abzugleichen, denn die vorgeschlagenen Aufbauten sind allesamt fordernd – und das gilt für Schwarz, aber auch für Weiß.

Mich hatte Moskalenkos “An Attacking Repoertoire for White with 1.d4” an den antiken Titel „Attacking with 1.d4“ von Angus Dunnington aus dem Jahr 2000 erinnert. Königsindisch mit dem vier Bauern, f3-Sämisch gegen Nimzoindisch, Abtausch wie Kasparow im Damengambit, frühes e4 gegen das Slawische Dreieck. Wie IM Christoph Sielecki schon bemerkte, sind das Systeme, die viel am Brett für sich beanspruchen: Weiß baut sich breit auf und Schwarz muss wissen, wie zu reagieren ist, sonst ist die Lampe schnell ausgeknipst. Allerdings ist auch das Risiko für Weiß nicht gerade gering. Wenn man sich mit diesen Stellungen so aus dem Fenster lehnt, kann ein Fehlgriff schnell den Absturz bedeuten. Und die Anforderungen für den Weißspieler sind nicht gering.

Außerdem finde ich es ärgerlich, dass der Autor in einem Repertoirebuch für 1.d4 keine Empfehlungen gegen Holländisch und gegen das Budapester Gambit abgibt. Statt dessen ist Moskalenko so frech, auf seine anderen Bücher zu diesem Thema zu verweisen. Im Vorwort heißt es: „For anti-Dutch lines for White, see my book The Diamond Dutch, New in Chess 2014”. Das gilt wohl auch für das Budapester Gambit, nur hat der Ukrainer das nicht einmal im Vorwort erwähnt.

Wie dem auch sei: Ich musste mir den Vierbauernangriff mit dxe6 anschauen. Es ist giftig und für Schwarz absolut nötig, es schon einmal auf dem Brett studiert zu haben. Ob es dann immer noch giftig ist, muss der Weißspieler entscheiden.

Wer das spielen möchte, sollte sich unbedingt Caruanas Verlustpartien mit Weiß und alle Partien Aronjans anschauen im Sämisch / f3-Nimzoinder. Auch, wie Anton Korobov mit Weiß gegen die Triangel spielt. Es zeigt nämlich, was dabei alles so schief gehen kann.

Zum Beispiel hatte Korobov die empfohlene Stellung in der Anti-Triangel mit 6.Sc3 beim Treffen der Germany Bears gegen die Norway Gnomes. Deep Sangupta verlor die Begegnung zwar, aber hätten Sie in dieser Position nach 12…Sxd5 lieber Weiß oder Schwarz?

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Im Jahre 2017, zwei Jahre nach seinem Tod, ist mit „Triple Exclam!!!“ ein Buch über Emory Tate erschienen. Ich hatte ihn noch wie viele andere ebenfalls in Berlin erlebt. Wenn man sich gut benahm, duldete er auch weitaus schwächere Spieler als Analysepartner (mehr in der Eigenschaft als Publikum). Zwar spielt Berlin keine große Rolle in diesem Kompendium. Dennoch: Wer mehr über diesen außergewöhnlichen Menschen erfahren möchte, sollte “Triple Exclam!!!” lesen. Emory Tate war einfach eine Nummer für sich.

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Von Großmeister Thomas Luther herausgegeben wurde jetzt das „Hand- und Arbeitsbuch für den Schachtrainer, Band 1“. Dem Jugendschach-Verlag in der Euro Schach Dresden ist damit ein wichtiger Schritt nach vorn gelungen, denn vergleichbare Arbeitsmaterialien gibt es nicht allzu viele, sieht man von den Arbeitsbüchern der Stappenmethode ab.

Dieses Buch richtet sich an Trainer, die Schach in der Gruppe lehren. Es diskutiert Methoden und stellt praktische Übungen vor. In Zusammenarbeit mit Heinz Brunthaler, Mathias Heinrich, Tim Martin, Andreas Petzko, Erich Scholvin, Frank Oltman und Martin Weteschnik ist ein sehr nützliches Handbuch entstanden, das sowohl organisatorische und administrative Situationen (Stichwort etwa die Aufsichtspflicht) beleuchtet als auch operative Anregungen und Praxisbeispiele zum Beispiel für die Grundregeln oder später für die Variantenberechnung gibt. Sehr zu empfehlen!

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Den Olymp des Schachtrainings erklommen hatte Vladimir Tukmakov, als er mit der Ukraine 2004 Olympiasieger wurde. Der Großmeister wusste es ohnehin, dass er eine Begabung fürs Coachen hat. Aber mit dem Sieg in Calvia damit legte er den Meilenstein für eine bemerkenswerte Karriere als Trainer.

Das Buch ist einzigartig, weil Tukmakov bis in die Gegenwart beleuchtet, was es bedeutet, nicht nur Mannschaftskapitän einer Riege von Stars zu sein. Als Coach von Anish Giri und Wesley So wirkte er auch bis in die heutigen Zeit als einer der begehrtesten Top-Coaches neben Vladimir Chuchelov. Tukmakov ist ehrlich und beginnt mit seinem Fehlstart als Sekundant von Efim Geller, und die Berichte geben Einblicke in Bereiche, die man als normalsterblicher Schachspieler nicht einmal streift. Eine äußerst empfehlenswerte Veröffentlichung des belgischen Verlags Thinkers Publishing von 2019.

Die Titel wurden zur Verfügung gestellt von Schach Niggemann